Von Schwerpunktschule sollen alle profitieren

Herschbach/Oww. Seit das Land Rheinland-Pfalz verkündet hat, mehr Regelschulen für behinderte Kinder zu öffnen, ist das Thema Integration in aller Munde. An der Astrid-Lindgren-Grundschule in Herschbach/Oww. ist das Konzept indes bereits bestens bekannt: Seit 2004 ist die Bildungseinrichtung eine Schwerpunktschule für Integration. Unter den Regelschülern lernen pro Klasse zwei bis drei Kinder mit Beeinträchtigungen - 13 sind es derzeit insgesamt an der Grundschule - und davon, ist Schulleiterin Katja Meyer überzeugt, können am Ende alle profitieren. Die Kinder mit Beeinträchtigung haben überwiegend Probleme mit dem Lernen. Normalerweise würden sie deshalb eine spezielle Förderschule besuchen, wie es sie zum Beispiel in Siershahn gibt. Auf Antrag der Eltern kann jedoch alternativ der Besuch einer Schwerpunktschule angestrebt werden. Nach einer Begutachtung des Kindes durch eine Förderlehrkraft liegt die letzte Entscheidung derzeit noch bei Schulbehörde ADD. Das Land will allerdings in naher Zukunft ein generelles Wahlrecht für die Eltern einführen. So verlangt es die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland im Jahr 2009 unterzeichnet hat. Möglich ist das gemeinsame Unterrichten unterschiedlich begabter Kinder dank individueller Lernziele. Der früher übliche Frontalunterricht für die gesamte Klasse findet in Herschbach kaum noch statt. Jeder Schüler lernt den Stoff in seinem eigenen Tempo. Partnerund Gruppenaufgaben wechseln sich mit Phasen der individuellen Arbeit ab. Nur wenig Stoff wird vor der ganzen Klasse besprochen. Die Lehrkräfte widmen sich immer wieder gezielt einzelnen Kindern, um Anleitung zu geben und Aufgaben zu stellen, die für das jeweilige Kind geeignet sind.

Die Vorteile dieses Unterrichts liegen laut Katja Meyer auf der Hand:
Die beeinträchtigten Kinder fühlen sich gut integriert. Sie können sich bei den Regelschülern Dinge abschauen und müssen später nicht mit dem Stigma leben, eine Förderschule besucht zu haben. Aber auch die übrigen Grundschüler haben etwas davon: Sie erlernen eine hohe Sozialkompetenz im Umgang mit Schwächeren, indem sie zum Beispiel Kindern mit körperlichen Beeinträchtigungen helfen. Begabtere Schüler wiederholen zum Teil auch den Stoff mit den Integrationskindern. Der unverkrampfte Umgang miteinander werde dabei zur Normalität, erklärt die Schulleiterin. Da die Kinder das Tempo beim Bearbeiten ihrer individuellen Aufgaben selbst bestimmen können, ist es nach Angaben der Pädagogin kein Problem, hochbegabte und beeinträchtigte Schüler in einem Klassenverband zu unterrichten.

Auch Kinder mit besonders guter Auffassungsgabe profitieren laut Meyer davon, dass sie nicht mehr an das Tempo des früheren Frontalunterrichts gebunden sind. Ihnen muss bei bereits bekanntem Stoff nicht langweilig werden, sie können ja einfach zur nächsten Aufgabe weitergehen. Von pädagogischer Seite ist an Schwerpunktschulen freilich eine etwas höhere Personalausstattung nötig: Die reguläre Klassengröße beträgt auch an diesen Schulen 24 Kinder. Sie werden jedoch nicht von einem einzelnen Lehrer, sondern von einem Team unterrichtet, das heißt, in einigen Stunden kommt eine Förderlehrkraft dazu. Wenn zwei Pädagogen anwesend sind, können heterogene Lerngruppen gebildet werden, erläutert Meyer.

Nicht leisten kann eine Schwerpunktschule die bei einigen Kindern notwendige Therapie. Hierfür bieten die klassischen Förderschulen bessere Möglichkeiten. Besucht ein beeinträchtigtes Kind, zum Beispiel mit Down-Syndrom, eine Schwerpunktschule, so ist von den Eltern in der Regel mehr Eigeninitiative bei der Organisation und Durchführung der Therapie erforderlich. Insgesamt jedoch sind die Erfahrungen der Herschbacher mit Integration überaus positiv.